Am frühen Morgen ist es am Berninapass still. Der Wind pfeift über den Lago Bianco, auf der Passhöhe liegt noch die Kälte der Nacht, und die Strasse, auf der sonst Lastwagen nach Tirano und Wohnmobile ins Engadin rollen, ist leer. Dann, weit unten im Tal, ein Geräusch. Erst ein Brummen, dann ein Kreischen, das von den Felswänden zurückgeworfen wird. Irgendwo zwischen La Rösa und dem Hospiz dreht jemand einen Reihenmotor aus einer Zeit, in der es auf diesen Kurven noch keine Leitplanken gab.
Das ist die Bernina Gran Turismo. Ein Bergrennen, das eigentlich nicht mehr existieren dürfte – und genau deshalb so besonders ist.
Als Graubünden das Auto entdeckte
Um zu verstehen, warum Autos auf diesem Pass etwas Besonderes sind, muss man wissen, dass Graubünden sie lange nicht wollte. Bis 1925 galt im Kanton ein weitgehendes Fahrverbot für Automobile. Kaum war es gefallen, wollte man im Engadin zeigen, was man verpasst hatte. 1929 lud St. Moritz zur ersten Internationalen Automobilwoche, und ihr Höhepunkt war ein Rennen den Berninapass hinauf: rund 16 Kilometer über Schotter, ohne Absperrungen, ohne Sicherheitszonen.
Gewonnen hat es Hans Stuck, der «Bergkönig», in einem Austro-Daimler. Ein Jahr später siegte der Monegasse Louis Chiron auf einem Bugatti. Im Puschlav nannte man ihn bald nur noch «Giron» – er hatte mit seinem wilden Fahrstil und seiner freundlichen Art offenbar die Herzen im Tal erobert. Danach wurde es still. Mehr als acht Jahrzehnte lang fuhr hier niemand mehr gegen die Uhr.
Ein Rennen, das nicht hätte stattfinden dürfen
Dass es heute wieder Startnummern am Bernina gibt, grenzt an ein kleines Wunder. Die Passstrasse ist eine Hauptverkehrsachse mit Grenzverkehr nach Italien, das Wetter auf über 2000 Metern ist unberechenbar, und die Schweiz hat mit Motorsport auf öffentlichen Strassen seit Jahrzehnten ein kompliziertes Verhältnis. Trotzdem kehrte das Rennen 2015 als Bernina Gran Turismo zurück – nicht als nostalgische Kopie, sondern als sorgfältig kuratierter Anlass.
Die heutige Strecke ist kürzer als damals. Sie führt über rund fünfeinhalb Kilometer und etwa 50 Kurven von La Rösa hinauf bis zum Ospizio Bernina auf gut 2300 Metern. La Rösa ist eine alte Poststation, an der früher die Säumer vor dem letzten Aufstieg die Pferde wechselten. Heute stehen dort Rennwagen in einer Reihe, Türen offen, Motoren im Leerlauf, und warten auf die Flagge.
Klein, laut, ehrlich
Das Starterfeld ist bewusst begrenzt, auf einige Dutzend Fahrzeuge. Zugelassen sind klassische Renn- und Sportwagen aus der Vor- und Nachkriegszeit bis in die frühen 1980er-Jahre. Gefahren wird in einer Wettbewerbsklasse auf Zeit und in einer Gleichmässigkeitsklasse, in der es nicht um die schnellste, sondern um die konstanteste Fahrt geht. Die Veranstalter wollen kein Feld aus zwanzig gleichen Sechzigerjahre-Sportwagen, sondern verschiedene Formen, Klänge und Fahrstile. Das spürt man.
Eine offene Barchetta der Fünfzigerjahre, bei der der Fahrer mehr neben als in der Karosserie sitzt, teilt sich die Strasse mit Rallye-Ikonen aus einer ganz anderen Epoche. Zwischen den Läufen stehen die Autos dicht an dicht vor dem Hospiz. Man kann nah heran, riecht Benzin und heisse Bremsen, hört Mechaniker auf Deutsch, Italienisch und Englisch fachsimpeln.
Und dann steht da ein Audi quattro. Weiss, orange gestreift, das kantige Profil der frühen Achtzigerjahre. Der Allradantrieb hat damals den Rallyesport umgekrempelt, und hier oben passt er erstaunlich gut hin, neben Autos, die ein halbes Jahrhundert älter sind. Er erinnert daran, dass die Geschichte des Bergrennens nicht 1930 aufgehört hat, sondern nur eine sehr lange Pause gemacht hat.
Zuschauen heisst wandern
Was die Bernina Gran Turismo von vielen anderen Klassiker-Anlässen unterscheidet: Es gibt keine Tribüne. Die Passstrasse ist während der Läufe zwischen La Rösa und Lagalb gesperrt, und wer die Autos sehen will, sucht sich zu Fuss einen Platz am Hang. Der Zugang ist kostenlos. Man reist am besten mit der Rhätischen Bahn bis zum Ospizio Bernina an und steigt von dort in den Berg. Manchmal steht man stundenlang im Wind, im Regen, gelegentlich im Schnee. Nebel kann einen ganzen Renntag verschlucken.
Aber wenn dann ein Motor im Tal aufheult und man ihn Kurve um Kurve näherkommen hört, bevor man ihn sieht, weiss man, warum man hier ist.
Warum es zählt
Man könnte die Bernina Gran Turismo als Luxusveranstaltung für Sammler abtun. Das wäre zu einfach. Sie ist auch ein Beweis dafür, dass historische Fahrzeuge dorthin gehören, wofür sie gebaut wurden: auf die Strasse, an den Berg, in Bewegung. Ein Auto, das 1955 für enge Kehren konstruiert wurde, erzählt seine Geschichte nicht in einer klimatisierten Halle, sondern auf 52 Kurven zwischen Puschlav und Engadin.
Wenn am Abend die Strasse wieder offen ist und die Rennwagen auf Anhängern ins Tal rollen, bleibt ein Gefühl. Dass die Schweiz, dieses Land der Pässe, eine Autokultur hat, die tiefer reicht, als man denkt. Und dass sie weitergeht – solange Menschen bereit sind, alte Maschinen den Berg hinaufzutreiben.
Bernina Gran Turismo in Kürze
- Strecke: La Rösa – Ospizio Bernina (GR), rund 5,5 km
- Zeitpunkt: jährlich im September
- Anreise: Rhätische Bahn bis Ospizio Bernina, Shuttles vor Ort
- Eintritt: kostenlos
- Infos: bernina-granturismo.com
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